Die Maya
Die Maya sind kein verschwundenes Volk. Ihre großen Städte im Regenwald wurden zwar vor über tausend Jahren verlassen, aber Millionen Menschen in Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras sprechen bis heute Maya-Sprachen.

Raum und Zeit
Das Gebiet der Maya umfasst die Halbinsel Yucatán, das Tiefland des Petén in Guatemala, Belize, Teile von Honduras und El Salvador sowie das Hochland von Chiapas und Guatemala. Fachleute teilen die Geschichte grob in drei Abschnitte: die Präklassik bis etwa 250 n. Chr., die Klassik von etwa 250 bis 900 und die Postklassik bis zur Ankunft der Spanier.
Stadtstaaten statt Reich
Ein einheitliches Maya-Reich hat es nie gegeben. In der klassischen Zeit regierten Könige zahlreiche Stadtstaaten, die miteinander Handel trieben, Ehen schlossen und Krieg führten. Tikal und Calakmul waren über lange Zeit die beiden Großmächte, um die sich Bündnisse gruppierten.
Die Städte hatten Tempelpyramiden, Paläste, Ballspielplätze und gepflasterte Dammstraßen. Laserscans aus der Luft haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das Umland viel dichter besiedelt war als lange angenommen: Unter dem Wald liegen Felder, Kanäle und Tausende Hausplattformen.
Eine Schrift, die man wieder lesen kann
Die Maya entwickelten die am besten ausgearbeitete Schrift des vorkolonialen Amerika. Sie kombiniert Zeichen für ganze Wörter mit Silbenzeichen. Inschriften auf Stelen, Altären und Keramik nennen Herrscher, Geburten, Thronbesteigungen und Kriege, jeweils mit genauem Datum.
Lange galt die Schrift als unlesbar. Der Durchbruch kam ab den 1950er-Jahren, als der russische Forscher Juri Knorosow den Silbencharakter erkannte. Seit den 1970er-Jahren kann ein großer Teil der Inschriften gelesen werden. Wie die Maya Zeit rechneten, erklärt der Beitrag zum Maya-Kalender.
Von den Faltbüchern der Maya aus Feigenbaumrinde sind nur vier erhalten. Die übrigen gingen durch Klima und Zerstörung verloren. 1562 ließ der Franziskaner Diego de Landa in Maní auf Yucatán zahlreiche Handschriften verbrennen. Der Dresdner Codex liegt heute in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.
Mais, Kakao und Ballspiel
Grundlage des Lebens war der Mais. Nach dem Popol Vuh, einem in der Kolonialzeit aufgeschriebenen Buch der K'iche', formten die Götter die Menschen aus Maisteig. Daneben bauten die Maya Bohnen, Kürbis, Chili und Baumwolle an. Kakao war ein Luxusgut: Die Oberschicht trank ihn schaumig geschlagen, die Bohnen dienten auch als Zahlungsmittel.
Fast jede größere Stadt hatte einen Ballspielplatz. Zwei Mannschaften trieben einen schweren Kautschukball mit Hüften und Oberschenkeln über das Feld. Das Spiel war Sport und Ritual zugleich und taucht in Mythen als Wettkampf zwischen Helden und den Göttern der Unterwelt auf.
Der sogenannte Kollaps
Im 9. Jahrhundert hörten in vielen Städten des südlichen Tieflands die Inschriften auf, die Bevölkerung ging stark zurück, Städte wie Tikal wurden verlassen. Über die Gründe wird viel gestritten. Wahrscheinlich kamen mehrere Ursachen zusammen: lange Dürren, übernutzte Böden, Kriege zwischen den Stadtstaaten und der Vertrauensverlust in Königtümer, die ihre Versprechen nicht mehr einlösen konnten.
Das Wort „Kollaps“ führt allerdings in die Irre. Im Norden Yucatáns blühten Städte wie Chichén Itzá und später Mayapán weiter. Als die Spanier im 16. Jahrhundert kamen, gab es viele unabhängige Maya-Staaten. Der letzte, Nojpetén im Petén-Itzá-See, wurde erst 1697 erobert.
Maya heute
Heute leben schätzungsweise sechs Millionen oder mehr Maya, die meisten in Guatemala und im Süden Mexikos. In Guatemala bezeichnet sich mehr als ein Drittel der Bevölkerung als Maya. Verbreitete Sprachen sind K'iche', Q'eqchi', Kaqchikel, Mam und Yukatekisch.
Die jüngere Geschichte ist von Gewalt geprägt. Im guatemaltekischen Bürgerkrieg (1960 bis 1996) wurden Zehntausende Maya getötet; eine von den Vereinten Nationen unterstützte Wahrheitskommission sprach 1999 von Völkermord in bestimmten Regionen. Die K'iche'-Aktivistin Rigoberta Menchú erhielt 1992 den Friedensnobelpreis.
Wer die Maya mit ihren nördlichen Nachbarn vergleichen will, liest am besten den Beitrag über die Azteken.
