Der Irokesenbund
Im heutigen Bundesstaat New York schlossen sich vor Jahrhunderten fünf Völker zu einem Bund zusammen, der bis heute besteht. Sie nennen sich Haudenosaunee, „Leute des Langhauses“. Europäer sprachen vom Irokesenbund.

Fünf Nationen, ein Haus
Zum Bund gehörten ursprünglich die Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca. Ihre Gebiete lagen nebeneinander zwischen dem Hudson und dem Eriesee, und die Haudenosaunee beschrieben ihren Bund selbst als ein großes Langhaus: Die Mohawk hüteten die Tür im Osten, die Seneca die im Westen, die Onondaga in der Mitte das Feuer. Um 1722 kamen die Tuscarora hinzu, die aus dem Süden nach Norden gezogen waren. Seitdem spricht man von den Sechs Nationen.
Die Gründungsgeschichte
Nach der mündlichen Überlieferung herrschten unter den fünf Völkern Blutrache und Krieg. Ein Mann, den die Überlieferung den Friedensstifter nennt, brachte zusammen mit Hiawatha (Ayenwatha) eine Botschaft des Friedens. Gemeinsam gewannen sie einen Häuptling nach dem anderen, zuletzt den gefürchteten Onondaga-Anführer Tadodaho. Das Ergebnis war das Große Gesetz des Friedens, auf Englisch Great Law of Peace.
Mit Hiawatha aus dem Gedicht von Longfellow hat diese Figur übrigens nur den Namen gemein. Longfellow verlegte den Namen in eine Ojibwe-Geschichte und schuf damit eine Verwechslung, die sich bis heute hält.
Wann der Bund entstand, ist offen. Manche Forscher verknüpfen die Überlieferung mit einer Sonnenfinsternis und kommen auf das Jahr 1142, andere setzen die Gründung um 1450 an. Sicher ist nur: Als Europäer im 17. Jahrhundert ankamen, war der Bund längst eine feste Größe.
Wie der Bund regiert wurde
Der Große Rat versammelte sich bei den Onondaga und bestand aus 50 Häuptlingen, die zwischen den Nationen festgelegt aufgeteilt waren. Entscheidungen fielen im Konsens: Erst berieten die Mohawk und Seneca, dann die Oneida und Cayuga, schließlich bestätigten die Onondaga.
Eine Besonderheit war die Rolle der Frauen. Die Haudenosaunee rechneten Abstammung über die Mutter, und die Clanmütter wählten die Häuptlinge aus. Sie konnten einen Häuptling auch absetzen, wenn er seine Pflichten verletzte. Felder und Langhäuser gehörten den Frauen der Familie.
Wampum, Gurte aus weißen und violetten Muschelperlen, dienten nicht als Geld im europäischen Sinn, sondern als Gedächtnisstütze und Beglaubigung. Ein Gurt wie der Hiawatha-Gurt hält eine Vereinbarung fest; wer ihn „lesen“ kann, erinnert sich an ihren Inhalt.
Langhaus und Dorf
Der Name Haudenosaunee verweist auf das Langhaus, das typische Wohnhaus der Region. Es bestand aus einem Gerüst aus Holzstangen, das mit Ulmenrinde gedeckt war, und konnte über 50 Meter lang sein. Darin lebten mehrere verwandte Familien einer mütterlichen Linie, jede mit einer eigenen Feuerstelle im Mittelgang. Die Dörfer lagen oft auf Anhöhen und waren mit Palisaden geschützt.
Auf den Feldern bauten die Frauen die „Drei Schwestern“ an: Mais, Bohnen und Kürbis, die sich im Wachstum gegenseitig stützen. Wenn nach einigen Jahrzehnten Böden und Brennholz erschöpft waren, zog ein ganzes Dorf an einen neuen Ort.
Zwischen den Kolonialmächten
Im 17. und 18. Jahrhundert lag der Bund zwischen Franzosen im Norden und Briten im Osten. Er handelte mit Pelzen, schloss Bündnisse und führte Kriege um Jagdgebiete. Im Unabhängigkeitskrieg der USA zerbrach die Einheit: Die meisten Nationen standen auf britischer Seite, Oneida und Tuscarora überwiegend auf Seiten der Amerikaner. Nach dem Krieg zogen viele Mohawk und andere nach Kanada, wo bis heute das Reservat Six Nations of the Grand River in Ontario besteht.
Ob die Verfassung der USA vom Irokesenbund beeinflusst wurde, wird seit Langem diskutiert. Der US-Kongress hat 1988 in einer Resolution einen solchen Einfluss anerkannt, Historiker bewerten ihn unterschiedlich stark. Belegt ist, dass Benjamin Franklin den Bund kannte und bewunderte.
Heute
Die Haudenosaunee verstehen sich weiter als souveräne Nationen. Das Ratsfeuer brennt noch bei den Onondaga, und manche Mitglieder reisen mit eigenen Haudenosaunee-Pässen. Auch im Sport ist der Bund präsent: Lacrosse, ein Spiel mit langer Tradition im Nordosten, wird international von einer eigenen Haudenosaunee-Mannschaft bestritten.
Wie die Kulturen des Nordostens in den größeren Zusammenhang passen, zeigt der Überblick über die Kulturareale.


