Das Indianerbild in Deutschland
In kaum einem Land außerhalb Amerikas ist die Begeisterung für „Indianer“ so groß wie in Deutschland. Freilichtbühnen, Faschingskostüme, Hobbyvereine: Das Bild, das dahintersteht, hat allerdings wenig mit den Völkern Amerikas zu tun und viel mit deutschen Wünschen.

Lange vor Karl May
Schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert lasen Deutsche begeistert Berichte aus Amerika. James Fenimore Coopers Lederstrumpf-Romane mit dem Letzten Mohikaner (1826) waren in Übersetzung Bestseller. Reisende wie Prinz Maximilian zu Wied, der 1832 bis 1834 den Missouri hinauffuhr, brachten genaue Beobachtungen und Bilder mit. Die Gemälde seines Begleiters Karl Bodmer gehören zu den wichtigsten Darstellungen der Plains-Völker vor den großen Epidemien.
Winnetou
Karl May schrieb seine Abenteuer, ohne den Wilden Westen gesehen zu haben. In Winnetou I (1893) erzählt der Ich-Erzähler Old Shatterhand, wie er Freundschaft mit dem Apachen-Häuptling schließt. Winnetou ist edel, gebildet, christlich gesinnt und am Ende tragisch zum Untergang bestimmt. Die echten Apachen im Südwesten der USA hatten mit dieser Figur wenig gemein: weder Kleidung noch Lebensweise noch Sprache stimmen.
Die Filme der 1960er-Jahre, gedreht in Jugoslawien mit Pierre Brice als Winnetou, machten die Figur zum Massenphänomen. Bis heute ziehen Freilichtbühnen wie Bad Segeberg oder Elspe jeden Sommer Hunderttausende Besucher an.
Edle Wilde und Projektionsflächen
Warum gerade Deutschland? Historiker nennen mehrere Gründe. Deutschland hatte in Amerika keine eigenen Kolonien, so konnte man sich als unbeteiligter Freund der Indianer fühlen. Die Romantik hatte den Naturmenschen idealisiert, und in einer schnell industrialisierten Gesellschaft stand der freie Reiter für Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Später nutzten auch Diktaturen das Bild: Die Nationalsozialisten deuteten die Indianer als heroisches, untergehendes Volk um, die DDR als Opfer des amerikanischen Imperialismus und drehte eigene Indianerfilme, oft mit Gojko Mitić.
In beiden deutschen Staaten entstand eine Hobbyisten-Szene, die Kleidung, Tänze und Lager möglichst getreu nachstellt. Viele Hobbyisten wissen viel über materielle Kultur. Indigene Besucher reagieren trotzdem oft irritiert, besonders wenn heilige Gegenstände oder Zeremonien nachgeahmt werden.
Völkerschauen und Wildwest-Shows
Viele Deutsche sahen im 19. Jahrhundert zum ersten Mal Menschen aus Amerika in sogenannten Völkerschauen. Unternehmer wie Carl Hagenbeck stellten Menschen aus fernen Ländern in Zoos und auf Jahrmärkten aus. Buffalo Bills Wild West Show tourte 1890 und erneut 1906 durch Deutschland, mit Lakota-Darstellern, Reiterkunststücken und nachgespielten Überfällen.
Die Darsteller wurden bezahlt, und manche reisten gern. Die Shows zeigten aber ein festgelegtes Bild: Indianer als Angreifer, die am Ende besiegt werden. Diese Inszenierungen prägten Postkarten, Spielzeug und Faschingskostüme der folgenden Jahrzehnte.
Was an den Bildern schief ist
Das deutsche Indianerbild friert eine Momentaufnahme ein: den berittenen Plains-Krieger des 19. Jahrhunderts. Es verwischt die Unterschiede zwischen Hunderten Völkern, und es lässt die Gegenwart weg, als ob die Geschichte mit Wounded Knee geendet hätte. Federhauben, im Fasching gern getragen, waren bei den Plains-Völkern Auszeichnungen für verdiente Männer, vergleichbar mit Orden.
2022 zog der Ravensburger Verlag nach Kritik an kolonialen Klischees mehrere Begleitprodukte zum Film Der junge Häuptling Winnetou zurück. Das löste eine heftige Debatte aus, zwischen dem Vorwurf der Zensur und der Forderung, Klischees nicht weiter an Kinder weiterzugeben. Die Romane Karl Mays sind weiterhin überall erhältlich.
Ein anderer Blick
Wer sich für die Völker Amerikas interessiert, findet heute leicht Stimmen aus erster Hand: Romane von Autorinnen wie Louise Erdrich (Ojibwe), Musik, Filme und Museen, die von indigenen Kuratoren mitgestaltet werden. Ein guter Anfang ist es, die richtigen Namen zu lernen, dazu mehr im Beitrag zum Begriff „Indianer“. Und wer die realen Plains-Völker kennenlernen will, liest über die Geschichte der Lakota.

