Die Besiedlung Amerikas
Amerika war der letzte große Kontinent, den Menschen erreichten, Antarktis ausgenommen. Dass sie aus Nordostasien kamen, ist durch Genetik und Archäologie gut belegt. Wann und auf welchem Weg, darüber wird seit Jahrzehnten heftig gestritten.

Die Landbrücke Beringia
Während der letzten Eiszeit war so viel Wasser in Gletschern gebunden, dass der Meeresspiegel um bis zu 120 Meter sank. Zwischen Sibirien und Alaska lag dann eine breite Landfläche, die man Beringia nennt. Sie war keine schmale Brücke, sondern ein Gebiet von der Größe eines kleinen Kontinents, mit Steppe, Mammuts und Wildpferden. Erst vor etwa 11.000 bis 10.000 Jahren überflutete das steigende Meer die Verbindung endgültig.
Genetische Studien legen nahe, dass die Vorfahren der heutigen indigenen Amerikaner sich eine Zeit lang in Beringia aufhielten, getrennt von ihren Verwandten in Asien. Fachleute sprechen vom „Beringia-Stillstand“, einer Phase von einigen Jahrtausenden.
Clovis und die alte Lehrmeinung
1929 fand man bei Clovis in New Mexico auffällige, beidseitig bearbeitete Speerspitzen mit einer Rinne an der Basis. Sie lagen bei Mammutknochen. Lange galt die Clovis-Kultur, etwa 13.000 Jahre alt, als die erste in Amerika. Die Theorie dazu: Jäger zogen durch einen eisfreien Korridor zwischen zwei Gletscherschilden im heutigen Kanada nach Süden, sobald sich dieser öffnete.
Monte Verde und die Küstenroute
In den 1970er-Jahren begannen Ausgrabungen in Monte Verde im Süden Chiles, nicht weit vom Land der heutigen Mapuche. Gefunden wurden Reste von Hütten, Werkzeuge, Seetang und Pflanzen, rund 14.500 Jahre alt. Nach langen Debatten akzeptierte die Fachwelt Ende der 1990er-Jahre, dass Menschen vor Clovis in Amerika waren, und zwar fast am Südende des Kontinents.
Wenn Menschen so früh so weit im Süden waren, kann der eisfreie Korridor kaum der einzige Weg gewesen sein. Viele Forscher favorisieren deshalb eine Küstenroute: Menschen folgten mit Booten der Pazifikküste nach Süden, wo Fische, Muscheln, Seevögel und Robben reichlich Nahrung boten. Der Nachweis ist schwierig, weil die damaligen Küsten heute unter dem Meer liegen.
- vor ca. 30.000 JahrenMeeresspiegel sinkt, Beringia entsteht
- vor 23.000–21.000 JahrenDatierung der Fußspuren von White Sands, umstritten
- vor ca. 14.500 JahrenSiedlungsplatz Monte Verde in Chile
- vor ca. 13.000 JahrenClovis-Kultur in Nordamerika
- vor ca. 11.000–10.000 JahrenBeringstraße endgültig überflutet
White Sands: Fußspuren aus der Eiszeit
2021 berichteten Forscher von menschlichen Fußspuren am Ufer eines ehemaligen Sees im White-Sands-Nationalpark in New Mexico. Samen in den Schichten darüber und darunter wurden auf 21.000 bis 23.000 Jahre datiert. Das wäre mitten in der Kaltphase der letzten Eiszeit, lange vor Clovis. Kritiker wandten ein, dass Wasserpflanzen alten Kohlenstoff aufnehmen und dadurch zu alt erscheinen können. Spätere Messungen an Pollen und Quarzkörnern stützten die frühen Daten, ganz verstummt ist die Debatte aber nicht.
Was feststeht und was nicht
Unstrittig ist: Die Vorfahren der indigenen Völker Amerikas stammen aus Nordostasien, und sie besiedelten den Doppelkontinent von Alaska bis Feuerland innerhalb weniger Jahrtausende. Offen sind die genaue Zeit, die Zahl der Wanderungswellen und die Wege. Später kamen weitere Gruppen hinzu, etwa die Vorfahren der heutigen Inuit, die sich erst vor rund tausend Jahren über die Arktis bis Grönland ausbreiteten.
Wichtig ist auch die andere Perspektive: Viele indigene Gemeinschaften erzählen eigene Ursprungsgeschichten, nach denen ihr Volk an einem bestimmten Ort entstanden ist. Für sie ist die Frage nach der Einwanderung weniger wichtig als die nach der Verbindung zu ihrem Land. Wie die Räume aussahen, in denen die Menschen sich niederließen, zeigt der Überblick über die Kulturareale Nordamerikas.

